Die Deutsche Kirche in Schweden und Svenska Kyrkan in Deutschland
Ein Artikel von Leon Schulz (Ystad) zur geschichtlichen Rolle der deutschen Kirche in Schweden:
Seitdem Ansgar im Jahre 829 n.Chr. von Deutschland nach Schweden kam und in unserem Land begann, das Christentum zu predigen, hatte Deutschland eine fast unbegreifliche Bedeutung für Schweden gehabt. Kein Land hat Schweden in all‘ den Zeiten so beeinflußt wie Deutschland. Während einer langen Epoche wurde in allen schwedischen Städten deutsch gesprochen und noch bis in unsere Zeit hinein ist Deutschland in besonderer Weise der wichtigste Handelspartner für Schweden.
Schon im 13. Jahrhundert rief Birger Jarl Deutsche von Lübeck und Hamburg nach Schweden, weil die Schweden wenig Erfahrung im internationalen Handel hatten. Sie trugen Kapital und Kenntnisse ins Land. Im 14. Jahrhundert waren sie so viele, daß nach den Stadtgesetzen die Hälfte aller Plätze in den Räten der Städte und die Hälfte aller Bürgermeister Deutsche sein sollten. Das galt im Großen und Ganzen für alle schwedischen Städte in dieser Zeit, so daß im Jahre 1460 nicht weniger als 35% der Bürgerschaft in Stockholm deutsch war und nicht weniger als 40% aller Grundbesitzer Deutsche waren. Die deutsche Sprache und die deutsche Kultur, deutsche Gewohnheiten und Sitten, Kleider und Mode haben bis in unsere Zeit hinein tiefe Spuren hinterlassen. Die meisten Bürger sprachen damals deutsch miteinander. Ein großer Teil der heutigen schwedischen Wörter sind Lehnworte oder wurden direkt aus dem Deutschen übernommen, ohne daß wir heute daran denken.
Nun darf man nicht glauben, daß Schweden kolonisiert worden war. Das war etwas ganz Natürliches, daß sich die Kulturen mischten. Auch die Schweden und die schwedische Sprache hatten in anderen Ländern einen großen Einfluß, zum Beispiel durch alle Nordbewohner, die das heutige Großbritannien bevölkern, nachdem sich die Wikinger einige Jahrhunderte früher in diesen Gegenden niedergelassen hatten. Viele englische Wörter, besonders die der Seefahrt, sind seit den Wikingerzeiten skandinavische Lehnworte. Das Wort „Windows“ von Microsoft zum Beispiel ist nichts anderes als das Wort „vindöga“ (Windauge) der Wikinger, das heißt „Das offene Loch in der Wand, in das der Wind hineinbläst“ – ein Fenster also.
Zurück zur deutschen Kultur in Schweden.
Ich möchte hier das enorm wichtige Band, das Schweden mit Deutschland verbindet, und die Wichtigkeit, den beiderseitigen Kulturaustausch aufrecht zu erhalten, unterstreichen weil dies auch in unseren Tagen eine große Bedeutung hat.
Wenn man die Reformationszeit zusammen mit der wichtigen Hansezeit, die sehr beeinflußt war vom Deutschen, verläßt und einen großen Sprung in unsere Zeit macht, sieht es plötzlich ganz natürlich aus, daß wir zum Beispiel eine Königin haben, die ursprünglich aus Deutschland kommt. Auch die Liebe des Königs gilt Deutschland. Das ist eine natürliche Entwicklung aus der Geschichte unserer Zeit.
Aber warum hat da noch heute die deutsche Kirchgemeinde, „Die deutsche Kirche“, eine so große Bedeutung? Ich möchte mich selbst als Beispiel nehmen und beleuchten, warum diese so wichtig ist für mich persönlich.
Mein Vater kam zusammen mit vielen jungen deutschen frisch ausgebildeten Diplom-Ingenieuren in den 50-ger Jahren nach Schweden. Damals gab es, genauso wie im Mittelalter, einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften in Schweden, und viele Deutsche kamen deshalb, um sich in Schweden niederzulassen. Er konstruierte unter anderem das Johannes Hovs –Eisstadium in Stockholm und war beim Aufbau des modernen Stockholm, das wir heute sehen können, mit dabei. Mein Vater – wie konnte es anders sein – verliebte sich in eine süße Småländerin und bekam zwei Kinder. Sein Gedanke war, daß wir unsere Schulzeit in der Deutschen Schule in Stockholm beginnen sollten – eine Tradition, die seit vielen Hunderten von Jahren weiter lebt. Der berufliche Werdegang aber wollte es anders, so daß die junge Familie 1970 nach Deutschland umzog.
Als wir aus Schweden mit einem deutschen Vater und einer schwedischen Mutter fortzogen, war meine kleine Schwester 2 Jahre und ich selbst 5 Jahre alt. 13 Jahre lang wuchs ich in Deutschland mit einer deutschen Schule und mit deutschen Freunden auf. Doch ging ich einmal in der Woche in die „Schwedische Kirche“, die in Deutschland sehr aktiv ist. Ein Grund dieser Aktivität ist natürlich, daß es heute eine große Anzahl von Schweden in Deutschland gibt, die unter anderem in schwedischen ausländischen Unternehmen leben und arbeiten und damit dem schwedischen Export und dem schwedischen Wohlstand zu Hause in Schweden helfen.
Ohne die Schwedische Kirche in Deutschland, in der wir alles über Schweden erfuhren, von der schwedischen Geschichte und Geographie bis hin zur Ausübung der Sitten und Gebräuche, hätte ich meine bikulturelle Identität verloren - schwedisch-deutsch zu sein. In der Schwedischen Kirche in Deutschland wurde nur schwedisch gesprochen, wir hatten Unterricht, sangen schwedische Lieder, lasen schwedische Bücher, feierten das Mittsommerfest und das Luciafest und selbstverständlich auch schwedische Gottesdienste, die sich tatsächlich mehr von den deutschen unterschieden als man zuerst glauben könnte. Durch die Schwedische Kirche erhielten wir ein Band zu Schweden, das mein Leben sehr prägte, ein Stück Schweden in Deutschland.
Ohne diese wöchentliche schwedische "Injektionsspritze" wäre ich niemals nach Schweden gezogen und hätte bei Chalmers studiert. Ich hätte nie eine Schwedin geheiratet und hätte mich nie selbstständig gemacht, um unser eigenes Unternehmen hier in Skåne zu ent-wickeln. Ich hätte die fast 1000-jährige Tradition der deutsch-schwedischen Tradition des gegenseitigen Verstehens nicht fortsetzen können, die die Grundlage dafür ist, daß Ge-schäfte abgeschlossen werden können und ein Band zwischen Deutschland und Schweden gebunden werden kann.
Nun habe ich eigene Kinder und weiß um meine Verantwortung, die schwedisch-deutsche Tradition in einer weitere Generation fortzusetzen, hinein in das neue Jahrtausend. Ich spreche mit den Kindern nur deutsch, aber leider reicht das nicht aus, trotz regelmäßigen Reisens nach Deutschland. Manchmal scheint es schwer zu sein, der einzige hier in der Nähe zu sein, der deutsch spricht und die Kinder antworten meistens auf schwedisch - aus Bequemlichkeit.
Leider gibt es keine deutsche Schule in Skåne, so wie in Göteborg oder Stockholm, aber eine phantastische Möglichkeit öffnete sich durch die deutsche Gemeinde - Die Deutsche Kirche - in Malmö! Die Deutsche Kirche ist in Malmö sehr aktiv und sammelt Kinder, Jugendliche und Erwachsene allen Alters. Vielleicht, weil die Kirche in Deutschland einen mehr natürlichen Platz im Leben hat. Kinderstunden am Sonnabendnachmittag sind sehr beliebt.
Wenn ich dort im Gemeindehaus mit meinen 3 und 5 Jahre alten Kindern bin, fühle ich mich selbst wieder wie ein Kind und erinnere mich an meine eigene Zeit in der Schwedischen Kirche in Deutschland. Plötzlich haben wir Kontakt gefunden mit anderen deutschen Kinderfamilien in Skåne. Wir singen meine alten lieben deutschen Kinderlieder, feiern die deutschen Feste, die so wichtig sind für Kinder. Hier öffnet sich plötzlich die Möglichkeit, St.Martin, Nikolaus, Erntedank und all die anderen tief eingewurzelten Traditionen weiterzuführen. Dieser natürliche Umgang mit deutscher Tradition wird meinen Kindern helfen, ein Verstehen für Deutschland zu haben. Und auch das deutsche Gottvertrauen kann weiter zu meinen Kindern geführt werden, die dann Unterschiede zwischen Der Evangelischen Kirche und Der Schwedischen Kirche verstehen können.
Aber es waren tatsächlich nicht nur die Kinder, die geöffnete Augen bekommen haben. Ich selbst habe eine erweitertes Bild von Deutschland bekommen. Wenn ich oben von Deutsch-land sprach, so war das selbstverständlich "mein" Deutschland, wo ich als Kind wohnte, das heißt Westdeutschland. In Ostdeutschland war ich niemals gewesen, nur auf der Transit-straße nach Westberlin, und das Bild, das uns von dem, wie es im Osten war, vor die Augen gemalt wurde, war ein Spiegelbild des Kalten Krieges. Nun Ostdeutsche in der Deutschen Kirche in Malmö zu treffen war für mich ein ganz neues Erlebnis, denn wenn auch die Berliner Mauer vor 10 Jahren fiel, so brauchen doch die persönlichen Mauern eine lange Zeit, um zu verschwinden. Für mich hat die Deutsche Kirche in Malmö sehr stark dazu beigetragen, Ost und West zusammenzufügen.
Die Deutsche Kirche ist kein "Club", ersetzt keinen Heimatkundeunterricht, will sich nicht von der Schwedischen Kirche abwenden, sondern ist ein Heim für viele Familien mit deutschem Hintergrund und ein Fundament, um weiter darauf zu bauen, das Band zwischen Deutschland und Schweden weiter zu entwickeln.
Es gibt unleugbar viele Kulturen, die heute auf Schweden Einfluß haben, und wir haben viele Einwanderer in Schweden und es gilt, ihre Kultur wahrzunehmen und zu nutzen. Die Deutsche Kultur aber hat meiner Meinung nach eine sehr wichtige Sonderstellung. Sie ist es nämlich, die uns in besonderer Weise am meisten und am längsten beeinflußt hat. Ohne Deutschland hätte Schweden sicher nicht werden können, was es heute ist, sondern würde vielleicht dem recht isolierten Island gleichen, einem skandinavischen Land ohne vielhundert-jährigem deutschen Einfluß.
Deutsche Gemeinden erfüllen hier eine wichtige Funktion. Die Tradition und unsere Geschichte sind fast Verpflichtungen, die enormen Möglichkeiten wahrzunehmen, die es gibt, deutsche Kultur in Schweden zu unterstützen, so wie wir es fast 1000 Jahre getan haben.
Leon Schulz
(Übersetzung: Martin Witte)
